Was den Einzelhändler ausmacht (nach Meinung des HDE...)

verfasst von Martin Groß-Albenhausen am 23.4.2013

Seit vergangener Woche wird die Erprobungsverordnung des IHK-Ausbildungsberufs „Kaufmann/Kauffrau im Einzelhandel“ evaluiert. Darin soll die seit 2009 geltende, „gestreckte“ Abschlussprüfung sowie die Organisation der Pflicht- und Wahlqualifikationen analysiert werden, u.a. mit diesen Fragen:

  • Welche Relevanz haben die einzelnen Wahlqualifikationseinheiten?
  • Wie erfolgt die warenkundliche Ausbildung derzeit und wie zufriedenstellend ist diese Situation?
  • Welche Änderungs- und/oder Ergänzungswünsche bezüglich der Ausbildungsordnung und des Rahmenlehrplans gibt es?

Speziell die kleinen und mittleren Unternehmen unserer Branche fordern lange einen eigenen Ausbildungsweg „Internet-Kaufmann“ bzw. „Online-Kaufmann“. Der bvh hat deshalb seit vergangenem Herbst das Gespräch mit dem DIHK und in der Folge mit dem Hauptverband des Deutschen Einzelhandels (HDE) gesucht.

Unser Ziel ist eine Überarbeitung des Rahmenlehrplans, damit IHK-Einzelhandels-Kaufleute sofort in den vielfältigen Anforderungen des Online- und Versandhandels eingesetzt werden können. Und damit die vielen klassischen und neuen Distanzhändler, die nichts anderes treiben als Einzelhandel, auch selbst Einzelhandels-Kaufleute mit ausbilden können. Wie sonst soll der Einzelhandel Zukunft haben, wenn er nicht den E-Commerce als Kernkompetenz betrachtet und zum genuinen Bestandteil der Ausbildung macht? Und wirklich die Besten als Ausbilder heranzieht?

Die Fakten liegen in Deutschland auf dem Tisch. Eine Schlagzeile der Wirtschaftswoche vor 14 Tagen: „Im Einzelhandel wächst nur das Online-Geschäft“. Innovationsdruck und Wettbewerb um gute Azubis werden den Mittelstand massiv treffen, wie jüngst das Manager-Magazin berichtete:

Nicolai Mattern, der Personalleiter des Berliner KadeWe, sieht gar angesichts einer sich wandelnden und internationalisierten Wirtschaft "wachsende Herausforderungen" für die Unternehmen, um qualifizierte Nachwuchskräfte für sich zu gewinnen, es gäbe ein "essentielles" Problem. Es scheint, dass Betriebe mit hohen Standards weniger Sorgen um Azubis haben. Ein attraktives Arbeitsumfeld erzeugt geringere Abbrecherquoten.

Die Online-Branche ist inzwischen als Arbeitgeber ein Faktor geworden, wohingegen die Innenstädte strukturelle Probleme und Leerstand verzeichnen. Die Loyalität der Kunden gehört heute weit stärker dem (guten) Onlineshop, in dem sie Sortiment in Breite und Tiefe finden, die der stationäre Handel nicht abbilden kann – nicht unsere Worte, sondern eine Analyse des Shoppingcenter-Betreibers ECE. Netscape-Gründer und Investor Marc Andreessen sieht deshalb den stationären Handel und auch die Malls in ihrer Existenz bedroht:

“Retail guys are going to go out of business and ecommerce will become the place everyone buys. We’re still pre-death of retail, and we’re already seeing a huge wave of growth. The best in class are going to get better and better. … Retail chains are a fundamentally implausible economic structure if there’s a viable alternative. You combine the fixed cost of real estate with inventory, and it puts every retailer in a highly leveraged position. Few can survive a decline of 20 to 30 percent in revenues. It just doesn’t make any sense for all this stuff to sit on shelves. There is fundamentally a better model.”

Falsch? Die Antwort, die die Repräsentanten des stationären Einzelhandels darauf geben, lautet: Wir ändern nichts an der Ausbildung. E-Commerce ist und bleibt eine Zusatzqualifikation, eine Wahl, keine Pflicht.

Das Kerngeschäft des Einzelhändlers gemäß HDE - ist die Kasse im Laden.

Damit jedenfalls hat der für Bildung und Berufsbildung zuständige Referent im HDE unsere Veränderungsvorschläge und ein Berufsbild eines Einzelhandelskaufmanns, der von allen Interaktiven Händlern ausgebildet werden könnte, abgelehnt:

Dieser Beruf ist (wie auch der zweijährige Verkäuferberuf) selbstverständlich an den stationären Einzelhandel gerichtet. Wir haben uns sowohl 1987 als auch 2003/04 an den Anforderungen des stationären Einzelhandels ausgerichtet. … Reine Versender oder Online-Händler haben mit Sicherheit große Probleme, mindestens die Berufsbildpositionen und WQs [Wahlqualifikationen] Marketingmaßnahmen, Beratung/Ware/Verkauf, Warensortiment, Kunden- und Dienstleistungsorientiertes Verhalten, Kommunikation mit Kunden, Servicebereich Kasse, Warenpräsentation, Beratung und Verkauf, Verhalten in schwierigen Gesprächssituationen, Kasse, Marketing in der betrieblichen Praxis zu vermitteln.
(Schreiben an den bvh vom 22. April 2013)

Diese auch künftig geltende „eindeutige Schwerpunktsetzung des Berufs“ schließe natürlich nicht aus, dass ausgelernte Kaufleute im Einzelhandel auch im reinen Onlinehandel einmal tätig sein können. Das also ist das Bild, das der HDE vom Versand- und Onlinehandel hat:

  • Kein Marketing (was machen wir da eigentlich den ganzen Tag mit SEO, SEA, Display, Affiliates, E-Mail, Beilagen, Direct Mails, Katalogen, Magalogen, Außenwerbung, TV-Spots, Mobile Coupons…?)
  • keine Beratung im Verkauf (wozu haben wir eigentlich Recommendation Engines, Callcenter, Online-Beratung und sogar entsprechende Geschäftsmodelle wie Outfittery?)
  • kein Einkauf und keine Sortimentsentwicklung (ich zitiere mal die klassische Unterscheidung: „a store sells what it buys, a catalog buys what it sells“)
  • keine Service-Mentalität (kostenlose Retouren, Rücknahme gesetzlich geregelt, Helpdesks, „fanatischer“ Customer Service … hab ich das nur geträumt?)
  • keine Kommunikation mit dem Kunden (ich wünsche dem HDE mal einen netten Social Media Shitstorm, um zu erleben, was Kommunikation mit dem Kunden im Jahr 2013 bedeutet.)

Ohne Zustimmung des HDE, so die bedauernde Auskunft des DIHK an den bvh, könne das Berufsbild des Einzelhandelskaufmanns wohl nicht geändert werden. Ein eigener Ausbildungsweg hingegen sei faktisch nicht zu etablieren. Aber der HDE habe ja vernünftige Vorschläge, was im Online- und Versandhandel ausgebildet werden könnten: Kaufmann/Kauffrau für Dialogmarketing, Kaufmann für Marketingkommunikation, Lager-, Logistik- und IT-Berufe, Kaufmann im Groß- und Außenhandel…

Der HDE macht also das, was Verkäufer auf der Fläche nach Volkes Meinung am besten können: Er hält die Kasse fest. Wenn das so ist, dann kann der HDE schwer ein Partner sein, der ernsthaft Einzelhandel im E-Commerce-Zeitalter betreiben, gestalten oder diskutieren will.

Martin Gross-AlbenhausenPermalinkKommentare 5
Tags: hde, dihk, ausbildung, einzelhandel, filialen, kasse, personal
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9. Tag der bvh-Asienreise- Interview mit Stefan Dickfeld, Geschäftsführer Sell It Smart GmbH

Befragt am 22.04.2013 von Christin Schmidt

Wie war deine Erwartungshaltung an den chinesischen E-Commerce und seine Dienstleister, bevor wir auf die Reise gegangen sind? Nach einigen Tagen in China und Präsentationen verschiedener E-Commerce-Player vor Ort: Treffen deine Erwartungen zu?

„Ich kannte den eCommerce Markt nur aus der Fachpresse und von einem Besuch bei eBay China vor über 7 Jahren. Seitdem hat sich hier sehr viel verändert! eBay hat den Markt aufgegeben und Amazon ist in den Markt eingetreten. Dominiert wird das Geschäft hier allerdings von anderen eCommerce Plattformen. Genau diese wollte ich gern im Detail kennenlernen und verstehen.
Die Fachpresse schreibt viel über das gigantische eCommerce-Wachstum hier in China. Doch wie funktioniert hier der Markt? Wie ticken hier die Kunden? Wie können unsere Kunden, die alle im eCommerce tätig sind, an diesem Wachstum partizipieren? Ich freute mich daher sehr über das inhaltlich extrem spannende Programm der bvh-Studienreise. Ich musste nicht lange überlegen und habe mich direkt angemeldet.
Nach den zahlreichen Vorträgen und Unternehmensbesuchen kann ich nun ganz klar feststellen, dass meine Erwartungen an die Reise und meine Weiterbildung deutlich erfüllt wurden. Es ist wahnsinnig spannend, hier dabei zu sein und die Begeisterung für den eCommerce vor Ort mitzubekommen.
Besonders hier in China sollte man jedoch nicht vergessen, dass es zwei Seiten der Medaille gibt. Es zeigt sich mir immer wieder, manchmal nur zwischen den Zeilen, dass der chinesische Markt einfach ganz anders funktioniert als der Deutsche. Und genau hier entstehen die Herausforderungen für die deutschen bzw. internationalen Versandhändler. Ich freue mich besonders über die persönlichen Gespräche und Diskussionen, sowohl mit den chinesischen Unternehmen als auch mit anderen Teilnehmern, um einen guten Überblick und oft auch einen tiefen Einblick in den Markt zu gewinnen.“


Worin unterschieden sich deiner Meinung nach die europäischen Konsumenten am stärksten von den chinesischen?

„Aufgrund des enormen Wachstums in den letzten 3 Jahren und der regionalen Situation (nicht überall in den ländlichen Bereichen gibt es Internet - wohl aber 3G) ist Mobile eCommerce hier viel weiter vorangeschritten als in Deutschland. Außerdem haben ländliche Regionen oft keinen örtlichen Zugriff auf viele Produkte. Daher wird alles was es nicht gibt, einfach Online bestellt. Einen deutlichen Unterschied stelle ich darin fest, dass es hier eine viel größere Kundenschicht gibt, welche nicht im Internet nach den günstigsten Preisen sucht, sondern nach Qualitätsprodukten! Es gibt anscheinend eine extrem große Nachfrage nach internationalen Markenprodukten á la "Made in Germany".

Was mich überrascht hat ist, der Anspruch der Kunden auf eine sehr schnelle Lieferung. Jedoch  beeindruckte mich noch mehr, dass dieser Anspruch tatsächlich überall in den größeren Städten bereits erfüllt wird.  "Same Day Delivery" wird hier schon weitestgehend praktiziert!“


Welches der bisherigen chinesischen Unternehmenskonzepte, die wir vorgestellt bekommen haben, hat dich besonders begeistert?

Sell It Smart als Agentur ist in Deutschland spezialisiert auf die Realisierung von Onlineshops mittels Shopware sowie der Realisierung von eBay Shop Design Projekten / Markenshops. Als Beratung unterstützen wir unsere Kunden bei der strategischen Auswahl und Implementierung verschiedener eCommerce-Marktplätze. Daher haben mich besonders die sehr großen, zum Teil Marktbestimmenden B2C-Marktplätze in China interessiert und die Gestaltungsmöglichkeiten für Marken. Auch wenn sich hier viele Vergleiche zu den "westlichen" Marktplätzen feststellen lassen, gibt es doch einige wesentliche Unterschiede. Daher finde ich besonders Interessant, welche vielfältigen Konzepte es für deutsche Unternehmen gibt, an diesem Marktgeschehen teilzunehmen. Ich freue mich darauf, meine neuen Erkenntnisse nach dieser Reise in Deutschland mit meinem Netzwerk und Kunden zu teilen."

 

Hier finden Sie weitere Informationen zu Sell It Smart.

 

Christin SchmidtPermalinkKommentare 0
Tags: bvh-asienreise, bvh-e-commercereise, stefan dickfeld, sell it smart
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9. Tag der bvh-Asienreise - Tokio Tokio... erste Eindrücke

Verfasst am 22.04.2013 von Christin Schmidt

Nachdem die Reisegruppe Samstagnacht in Tokio gelandet ist, hatten die Teilnehmer gestern die erste Gelegenheit, sich mit dieser riesigen Stadt vertraut zu machen. Die Interessen waren ganz unterschiedlich. Es hieß Großstadtdschungel vs. japanische Geschichte. Die Eindrücke auf beiden Seiten waren beim anschließenden Austausch gestern Abend mehr als beeindruckend.

Nach unseren Erlebnissen in Beijing und Shanghai eröffnet sich in Tokio ein komplett anderes Stadtbild. Gerade im Kontrast zu Shanghai wirkt die Stadt gemäßigter und langsamer gewachsen. Auch hier findet man großartige Wolkenkratzer, allerdings in einer anderen Konzentration.

Was hier wirklich sehr beeindruckt, ist die Sauberkeit auf den Straßen und der wahrnehmbare Anteil an Grünflächen, der gerade im Vergleich zu den chinesischen Metropolen zum Durchatmen einlädt:)!

Einige Teilnehmer nutzten gestern die Gelegenheit für die Fahrt nach Kamakura-die ehemalige Hauptstadt des Kaiserreichs Japan. Dort waren nicht nur wundervolle Tempel und eine beeindruckende Buddafigur zu sehen, sondern auch großartig angelegte Gärten, die einem die hohe Bedeutung von Harmonie und Ausgeglichenheit hier in Japan vermittelten.

Zum E-Commerce-Geschäft in Japan

Das japanische E-Commerce-Geschäft unterscheidet sich durchaus vom chinesischen. Die unglaublichen Wachstumszahlen des chinesischen Marktes sind hier in dieser Form nicht zu finden.
Das begründet sich dadurch, dass der Anteil der Internetkäufer an den Nutzern des World Wide Web schon bei weit über 50 % liegt und die Zahl der Onlinenutzer nur noch im einstelligen Bereich zulegen. Auch das Wachstum des E-Commerce bewegt sich im kleinen einstelligen Bereich. Das wird auch in den kommenden Jahren anhalten. Favorisierte Produkte sind Kleidung und Lebensmittel.

Genau wie im chinesischen E-Commerce spielt Mobile eine große Rolle. Steigende Umsätze im japanischen Online-Handel sind zurückzuführen auf  höhere Ausgaben im Mobile Commerce. Mittlerweile wird hier in Japan davon gesprochen, dass etwa ein Viertel des E-Commerce-Umsatzes über Mobile gemacht wird.

Die TOP 3 in 2012 im japanischen E-Commerce waren: Platz 1: Rakuten, Platz 2: Amazon Japan, Platz 3: Nissen.

Morgen gibt es mehr Feedback zu den Besuchen bei Rakuten und BÄR Schuhe in Tokio.

Christin SchmidtPermalinkKommentare 0
Tags: bvh-asienreise, bvh-e-commercereise, tokio
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26.04.2013 10:44
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