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Ist das Kunst oder kann das weg? Überlegungen zur dOCUMENTA (13) im Internet

verfasst am 16.08.2012 von Christoph Wenk-Fischer


"Die documenta ist die weltweit bedeutendste Reihe von Ausstellungen für zeitgenössische Kunst. Sie findet alle fünf Jahre in Kassel statt (ursprünglich alle vier Jahre) und dauert jeweils 100 Tage. Die erste documenta wurde 1955 veranstaltet und geht auf die Initiative von Arnold Bode zurück." Soweit der Eintrag unter http://de.wikipedia.org/wiki/Documenta.

Ich war das erste Mal 1977 als Schüler auf der documenta 6. Den Ausstellungskatalog hatte ich mir damals vom Taschengeld gekauft. Ich wollte, wenn schon kein Kunstwerk, dann wenigstens ein anderes Andenken von diesem für mich sehr beeindruckenden Erlebnis mitnehmen. Ich gehöre also zur Zielgruppe der Merchandising-Industrie. Da ich seit damals auf fast jeder documenta war (Boah, toll Mann!), gehöre zu der Gruppe der 57 % Stammbesucher (Schön, zu einer Gruppe gehörig zu sein!) und versuche in eine neue Gruppe zu kommen, die der Kritiker; natürlich nicht die der Kunstkritiker. Ich habe stattdessen die dOCUMENTA (13) - kurz "d13" genannt - in Hinblick auf deren Internet- und E-Commerce-Auftritt "getestet". Hier mein Bericht:

Der Internet-Auftritt:

Gibt man www.d13.de ein, gelangt man auf eine merkwürdige Seite einer Firma ACN mit einem furchtbar verpixelten entsetzlichen Flash-Video über die angeblich fantastischen Vertriebsmöglichkeiten für ein in Zeiten von Skype &  Hangout höchst überflüssiges Bild-Telefon und sonst gar nichts.  Schade, die schön kurze Domain "www.d13.de" hätte gut gepasst. Was man jetzt dort sieht, ist aber keine Kunst, kann und muss also schnell weg!

Gibt man www.documenta13.de ein, gelangt man per automatischer Weiterleitung auf die Seite d13.documenta.de. Hier bin ich diesmal richtig. Die Seite ist gewöhnungsbedürftig und ich habe mich bislang nicht daran gewöhnen können: Drei Teile überlappen sich, so dass zunächst nur "Panorama" mit der wechselnden Abbildung jeweils eines der Exponate zu sehen ist. Die anderen Teile "Information" und "Resources" sieht man nur als Rudimente mit abgeschnittenem Text. Sehen kann man aber eine senkrechten Reiterleiste am rechten Rand. Insgesamt unübersichtlich! Ich suche auf der Seite keine Abbildung eines Kunstwerkes, sondern Information. Also klicke ich auf den abgeschnittenen Teil "Information". Der bliebt aber abgeschnitten - unerwartet! Nach wildem Rumklicken auf den Teil versuche ich es, indem ich das ganz kleine, in wohl 8 Punkt-Schrift (Meine Lesebrille: 1,5 Dioptrien!) dargestellte Wort "Information" klicke. Dadurch endlich schiebt sich der gesuchte Teil der Seite nach links und ich kann ihn ganz sehen. Allerdings bin ich jetzt versehentlich auf der englischsprachigen Variante der Seite gelandet. Selber schuld, wenn ich so blöd bin und hilflos wild rumklicke! Mein Trost ist, das ich das aber vorher gar nicht so erkennen konnte, denn der Text war ja abgeschnitten. Egal, schnell auf "Deutsch" und damit zurück auf Start. Mein Urteil: Der Aufbau und die Navigationsmöglichkeiten der Startseite sind echte Kunst, können aber gerne weg!

So, jetzt zur "Information": Die graue Serifen-Schrift auf weißem Grund gefällt mir nicht, weil sie schwer lesbar ist. Das ist zwar Kunst des Mailänder Designbüros "Leftloft", kann aber weg. Abgesehen davon finde ich doch auf Anhieb einen guten Überblick mit Teilnehmerliste, Programmen, Orten, Infos zu Führungen ("dTOURS") und einiges mehr.

Mehr heißt zum Beispiel: "dMAPS". Das schau ich mir an: "dMAPS ist ein digitales Instrument zur Orientierung, Interpretation und Partizipation an den geistigen und physischen Räumen, die von der dOCUMENTA (13) generiert werden.", heißt es dort und wird zugleich in einem von den sonstigen Texten komplett abweichenden Marketingduktus über den grünen Klee gelobt. Das liegt wahrscheinlich daran, dass der Text direkt vom Sponsor Sparkasse stammt. Dieser Text ist keine Kunst und kann weg! Nicht jedoch dMAPS, denn das ist die dOCUMENTA (13)-App - jedoch auf der Oberfläche ohne echtes dOCUMENTA (13)-Design, aber mit Sparkassen-"S" und daher so gar nicht als solche zu erkennen.

Vor der App jedoch noch etwas zur Internet-Seite: Ich wollte natürlich auch den dritten Teil "Resources" sehen. Also klicke ich - habe ich ja beim zweiten Teil gelernt - auf das Wort "Resources", damit sich der Teil der Seite nach links schiebt und lesbar wird. Geht aber nicht. Wieder wildes Rumgeklicke z.B. auf "Index" und die Seite geht auf. Und was sehe ich jetzt erst (Bin wohl echt zu blöd!)? Auf jedem der drei Seiten-Teile ist ja auch ein ganz schmaler und kleiner, aber sehr stylischer Pfeil, auf den man klicken kann und dann schiebt sich der entsprechende Teil nach rechts oder links. Der Pfeil ist Kunst und kann auf keinen Fall weg, sondern gehört einfach viel größer!

Übrigens, der ganze Abschnitt "Resources" ist große Kunst und kann auf keinen Fall weg, denn es macht viel Spaß, sich mit den Quellen dort zu beschäftigen! Hoffentlich wird das alles als Archiv so dauerhaft im Netz bestehen bleiben! Archivierung ist Kunst, denn gut gemacht, kommt nichts weg!

Die App:

dMAPS ist eine Gratis-App. Über einen QR-Code auf der Seite kann ich sie für IOS oder Android laden. Beim Zugang über den mobilen Apple-Appstore finde ich sie als einen von drei Treffern unter dem Suchterm "documenta kassel". Beim Begriff "documenta" kommt leider alles mögliche andere raus. Die App ist groß. Laden geht nur über gute WLAN-Verbindung. Auch der erste Start dauert sehr lange, weil die App auch auf Offline-Betrieb ausgelegt ist, zunächst stundenlang "Events aktualisiert" und Inhalte lädt und so auf meinem iPhone erst nach ca. 15 Minuten wirklich läuft. Warten ist - außer auf Godot - keine Kunst und kann weg! Nicht jedoch die Inhalte und Funktionalitäten der App. Die ist prima, übersichtlich, laufstabil und macht viel Spaß - gerade auch, wenn man sie vor oder nach dem Besuch in Kassel nutzt. Die App ist eindeutig Kunst und kann auf keinen Fall weg. Der Künstler heißt Linon Medien und hat schon viel Audio- oder Multimediaführungen für Ausstellungen und Museen gemacht. Das merkt man! Schöne weitere Beispiele gibt es auf deren Internetseiten. Die App gibt es vor Ort in Kassel für Mensche ohne Smartphone auch auf Leihgeräten installiert, die rege genutzt werden. Ob es allerdings mehr sind, die stattdessen mit dem telefonbuchdicken, aber im Format kleineren Begleitbuch herumlaufen, ist schwer zu sagen. Da die App im Dauer-Betrieb recht viel Strom aus dem Akku saugt, hat das dicke Buch für die Nutzung an einem ganzen Besuchstag hier einen klaren Vorteil - aber das ist ja keine Kunst!

Die mobile Website:

Und hier ist leider wieder keine Kunst zu finden. Das kann weg! Wo auf der www.-Seite schon die Navigation kompliziert war, ist sie dies erst recht auf der mobile.documenta.de -Seite. Auf einem Handy-Display als Startseite die Kunstwerke im Briefmarkenformat abzubilden ist unbefriedigend. Der Wechsel zwischen den wieder drei Teilen der Seite dauert zu lange. Die wieder graue, viel zu kleine Schrift auf grauem Grund geht auf einem Mobilgerät gar nicht. Die mobile Seite versucht einfach, die "große" Seite zu kopieren. Da brauche ich dann aber keine identische CI, wenn sie auf dem kleinen Bildschirm nicht funktioniert.

Die Web-Shops:

Tickets gibt es direkt auf der Seite der dOCUMENTA( 13)  und auch per App oder auf der mobilen Seite nicht zu kaufen. Es findet sich nur ein Link auf einen Online-Anbieter. Na gut: Ein eigener Webshop ist aufwändig und wenn andere das schon können, ist das vielleicht keine Kunst mehr und man kann es von vornherein weglassen!

Das gilt auch für den Vertrieb der Publikationen, die vom kooperierenden Verlag in deren verlinktem Online-Shop angeboten werden. Das gilt auch für die Editionen von Werken einzelner teilnehmender Künstler, die eine Buchhandlung zwar online auf der Seite bewirbt, aber nur stationär im Laden und vielleicht auf Nachfrage auch im Versand verkauft.

Online buchen kann man aber die Führungen, genannt "dTOURS". Das geht zwar, aber Achtung: Der Webshop der AVANTGARDE
Sales & Marketing Support GmbH entspricht nicht den rechtlichen Vorgaben: keine Widerrufsbelehrung etc. pp. So ist das keine Kunst und kann und muss weg! Einen Webshop rechtssicher zu gestalten wäre aber richtig große Kunst.

Stattdessen wechsele ich lieber in den Merchandising- Shop: Pustekuchen! "Comming Mid August" steht da am genau 15.08.2012 noch. So ein blöder Spruch ist keine Kunst und kann weg!

Macht wohl auch nichts, denn das was man an Kühlschrankmagneten, Stofftaschen und anderem Schrott vor Ort in Kassel als offizielle Merchandising-Artikel angeboten hat, lässt die Erwartungen an den Online-Shop ohnehin auf Null reduzieren.


Social Media:

Der Facebook-Auftritt ist wirklich schlecht und sieht nicht wie eine offizielle Seite aus - ist er es überhaupt? Von der offiziellen Internetseite d13.documenta.de  werde ich jedenfalls auch nicht hingeführt. Schlechte Fotos, kein Customizing der Seite, die Möglichkeiten von Social Media sind nicht einmal ansatzweise genutzt, sondern es gibt langweilige "Pressetexte" und schlechte Fotos; keinen Mehrwert, aber über 27.000 "Gefällt mir"-Angaben. Das ist zwar eindeutig Kunst, mit so wenig so viel "Like" zu bekommen, aber das kann auch weg!

Auf Twitter hat der User "documenta13" noch nichts getwittert, aber trotzdem 27 Follower und kann wohl nicht offiziell die Ausstellung sein. Der User "d13" oder "dokumenta_13" ist da viel aktiver mit 360 Tweets und über 5.500 Followern, scheint aber auch nicht die Echte sein, denn die CI stimmt nicht. Also mache ich die Sucheingabe: "documenta" und bin immer noch ratlos. Die offizielle dOCUMENTA (13) finde ich jedenfalls nicht. Auch auf der offiziellen dOCUMENTA (13)-Seite findet sich keine Verknüpfung. Die wäre ja an sich auch keine Kunst und ist deshalb wohl weg!

Kein Blog, kein Podcast, kein RSS-Feed - war das alles vielleicht mal da, aber war es vielleicht keine Kunst und eine virtuelle Putzfrau hat es deshalb weggemacht?

Das Fazit:

Nach alldem drängt sich mir die Frage auf: Ist "Weg" vielleicht ganz bewusst das Internet- und E-Commerce-Konzept der dOCUMENTA (13)?

Mag sein, denn wenn man in Kassel leibhaftig im Museum Fridericianum den Rundgang beginnt um dort Kunst zu sehen, ist das erste, was man in den beiden Sälen rechts und links des Eingangs sieht nichts: Die Räume sind nahezu leer. Man nimmt nur einen Luftzug wahr, der durch die Räume geht - eine Windinstallation von Ryan Gander. Aber das ist Kunst und die bekommt auch keine Putzfrau weg! Unbedingt hinfahren, das ist besser, als die dOCUMENTA (13) im Netz zu besuchen!

Christoph Wenk-FischerPermalinkKommentare 0
Tags: documenta 13, d13, kassel, kunst, e-commerce
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15.08.2012
18:37

BGH zur Wirksamkeit der alten Musterwiderrufsbelehrung

Verfasst am 15.08.2012 von Stephanie Schmidt


Der Bundesgerichtshof (BGH) hat am 15.08.2012 (AZ. VIII ZR 378/11) entschieden, dass die Widerrufsbelehrung nach dem alten Muster der  BGB-Informationspflichtenverordnung wirksam war:

Im Streitfall ging es um den Widerruf eines Leasingvertrags über einen PKW zwischen der Klägerin, einer Leasinggesellschaft, und der Beklagten. Der Vertrag wurde im November 2006 zwischen den Parteien geschlossen. Ab Juni 2009 leistete die Beklagte die vereinbarten Leasingraten von 640 Euro nicht mehr. Die Klägerin kündigte daraufhin den Vertrag im September 2009 fristlos und verwertete das Fahrzeug für 10.555 Euro. Im Februar 2010 erklärte die Beklagte den Widerruf ihrer Vertragserklärung. Sie berief sich darauf, dass die von der Klägerin verwandte Widerrufsbelehrung unwirksam und die Widerrufsfrist daher noch nicht erloschen sei. Die Klägerin hatte den Text der Musterbelehrung nach Anlage 2 zu § 14 BGB-Informationspflichtenverordnung (BGB-Info-VO) in der bis zum 31. März 2008 geltenden Fassung verwendet.

Die Klägerin hatte jedoch mit ihrer Klage gegen die Beklagte auf Zahlung von insgesamt 19.341,37 Euro nebst Zinsen für rückständige Leasingraten, einen Restwertausgleich sowie Sicherstellungskosten in den Vorinstanzen Erfolg. Der unter anderem für Leasingrecht zuständige VIII. Zivilsenat des BGH wies die Revision der Beklagten zurück und entschied, dass die Widerrufsfrist spätestens mit dem Vollzug des Leasingvertrages im Jahre 2006 zu laufen begonnen hatte und der Widerruf der Beklagten damit verspätet war:

Zwar genüge die Widerrufsbelehrung durch den Satz "Die Frist beginnt frühestens mit Erhalt dieser Belehrung" nicht den Anforderungen des in § 355 Absatz 2 Satz 1 BGB a.F. geregelten Deutlichkeitsgebots. Dem Verbraucher werde durch die Verwendung des Wortes "frühestens" nicht ermöglicht, den Beginn der Widerrufsfrist ohne weiteres zu erkennen. Allerdings könne die Klägerin sich darauf berufen, dass die von ihr verwendete Widerrufsbelehrung dem Muster der BGB-Info-VO a.F. entspreche und somit nach § 14 Abs. 1 der BGB-Info-VO a.F. als ordnungsgemäß gelte (Gesetzlichkeitsfiktion). Die in § 14 der BGB-Info-VO geregelte Gesetzlichkeitsfiktion werde von der Ermächtigungsgrundlage des Art. 245 Nr. 1 EGBGB a.F. gedeckt und sei wirksam, denn mit dieser Ermächtigung verfolgte der Gesetzgeber vorrangig den Zweck, die Geschäftspraxis der Unternehmer zu vereinfachen und Rechtssicherheit zu schaffen. Dieser Zweck würde verfehlt, wenn sich der Unternehmer auf die Gesetzlichkeitsfiktion der von ihm verwendeten Musterbelehrung nicht berufen könne. 

Fazit: Das Urteil des BGH stellt nach mehreren oft anderslautenden Entscheidungen von Oberlandesgerichten nunmehr fest, dass die alte Musterwiderrufsbelehrung bei exakter Verwendung doch wirksam war. Zwar gilt seit dem 04.08.2011 die neue Musterwiderrufsbelehrung aus dem Einführungsgesetz zum Bürgerlichen Gesetzbuch (Anl. 1 zu Art. 246 § 2 Absatz 3 Satz 1 EGBGB). Das Urteil könnte sich jedoch noch auf die Behandlung von Altfällen auswirken. Hierfür sollte aber der Volltext des Urteils abgewartet werden.  Derzeit steht nur die Pressemeldung zur Verfügung.

Stephanie SchmidtPermalinkKommentare 0
Tags: widerrufsrecht, bgh, widerrufsbelehrung
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